Bist du ein Stachelschwein?

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. – So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zu einander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehn kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! [Wahren Sie den Abstand!] – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden. – Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.

— Arthur Schopenhauer

 

Ist dies das einsame Schicksal eines Stachelschweins? Dazu bestimmt, auf ewig alleine zu sein. Verletzt zu werden. Andere zu verletzen. Sobald man sich zu nahe kommt.

 

Könnte es nicht einfach die Stacheln anlegen, sodass sie keinen Schaden mehr anrichten können? Sich verletzbar machen. Darauf vertrauen, dass die anderen sich nicht gleich auf einen stürzen.

 

Ist es absurd von mir, das zu glauben?

 

Es ist nicht einfach. Seinen Schutz abzulegen. Wo er doch schon so oft, so gute Dienste geleistet hat. Abzulegen, was so natürlich zu sein scheint.

 

Wäre dem Stachelschein nicht gut geraten, die „Leere und Monotonie des eigenen Inneren“ nicht durch andere füllen zu wollen, sondern sich alleine zu genügen?

 

Dann wäre es nicht auf die Nähe der anderen angewiesen. Es könnte sich langsam nähern, sodass sich niemand überrumpelt, überfordert oder gar angegriffen fühlt. Dann könnten auch die anderen Stachelschweine ganz langsam und in ihrem Tempo sich an die Nähe gewöhnen. Und eines Tages ohne ausgefahrene Stacheln durch die Gegend laufen.

 

Wäre das nicht ein schönes Bild? Viele aneinander kuschelnde Stachelschweine. Jeder selbst genügend und doch unglaublich froh über die Wärme und Gesellschaft der anderen.